Kultur Sehenswürdigkeiten

#68 | Inka I (Kinderopfer)

[Salta] Wir verlassen San Pedro de Atacama am frühen Morgen und fahren mit dem Bus westwärts in die Anden. Über 10 spektakuläre Stunden wechselt die Landschaft ständig. Wir starten in der Salzwüste, steigen an Vulkanen vorbei ins Hochland, kreuzen die „Salinas Grandes“ und fahren in engen Serpentinen erst auf und dann in die deutlich grünere Landschaft Nordargentiniens ab. Salta heißt unser Ziel, eine koloniale Gründung in einer fruchtbareren Ebene. Hier stoßen wir zum ersten Mal auf kulturelle Spuren der Inka, die ab etwa 1480 n.Chr. Vorstöße in den Süden ihres Reiches gemacht hatten und (wegen der Mapuche nur kurz) bis auf die Höhe des heutigen Santiago (westlich der Anden) und Mendoza (östlich der Anden) kamen. Als die Spanier 50 Jahre später 1532 auf das Inka-Reich stießen, war es als Großreich etabliert und umfasste die Gebiete der heutigen Länder Peru, Kolumbien, Ecuador, Bolivien und der nördlichen Teile von Chile und Argentinien.

Das Inka-Straßensystem

Das politische Zentrum war die Stadt Cuzco und es gab vier Verwaltungsdistrikte („suyus“): Chinchaysuyu im Nordwesten, Antisuyu im Nordosten, Collysuyu im Südosten und Cuntisuyu im Süden bzw. Südwesten von Cuzco. Gemeinsam bildeten sie das Reich „Tawantinsuyu„. Die Inka hatten – wie z.B. im Süden – eine Vielzahl regionaler Völker und Kulturen unterworfen und gewaltsam in ihr Reich integriert. Die Integration erfolgte durch ein strenges System von Tributen an den Inka-Herrscher und die regionalen Herrscher, durch die Durchsetzung von Quechua als Sprache sowie den Aufbau von Straßennetzen (die königliche Straße „Qhapaq Ñan„) und Verwaltungszentren. Im Agrarbereich waren die Inka mit ihren hochentwickelten Bewässerungssystemen lokalen Kulturen überlegen und in der Lage, ehemals unwirtschaftliche Regionen landwirtschaftlich zu entwickeln. Mit ihnen kam die Kartoffel und Quinoa als Grundnahrungsmittel in die eroberten Gegenden.

Im politisch-religiösen Bereich erfolgte die Integration der sehr heterogenen Territorien auch durch kultische Handlungen, bei denen in größeren zeitlichen Abständen rituelle Kinderhochzeiten und Kinderopfer stattfanden („Capacocha“-Zeremonie). Eine Auswahl von Kindern aus jeder der vier Teilregionen des Reichs wurde dabei nach Cuzco gebracht und symbolisch miteinander verheiratet, womit die Verbindung zwischen den Gebieten und die Ausrichtung auf das Inka-Herrschaftszentrum gestärkt wurde. Im Anschluss fand ein Pilgerzug über mehrere Wochen bis Monate statt, der bis zu den höchsten Berggipfeln des Inka-Reichs führte. In der Vorstellung der Inka waren die Berge Götter bzw. heilige, lebensspendende Orte. Von den Gipfeln aus konnten die Götter darunter liegende Landschaften und Siedlungen am besten schützen. In den Anden sind bis heute etwas 200 Gipfel bekannt, an denen Altäre und Opferstellen errichtet wurden. Etwa 40 davon liegen in der Provinz Salta und der höchste Gipfel dort ist der erloschene Vulkan Llullaillaco mit 6.739 Metern Höhe.

In Salta dokumentiert das „Museo de Arquelogogía de Alta Montana“ einen besonderen Fund aus dem Jahre 1999: auf einem kleinen Plateau knapp unterhalb des Gipfels (6.730 Meter) des Llullaillaco wurde eine Opferkammer mit drei Kindermumien und einer Vielzahl perfekt erhaltener Opfergegenstände gefunden. Durch die Höhe (trockene Extremkälte) waren die Körper und Textilien sehr gut erhalten und werden heute im Museum ausgestellt. Die Ausstellung der Kindermumien war umstritten und wird zurückhaltend praktiziert, es wird immer nur eine Mumie für eine längere Zeit gezeigt und dann gewechselt. Notwendig ist die Ausstellung der originalen Mumien allerdings nicht wirklich, da alle drei sehr gut durch Fotos dokumentiert sind …

Der ausgestellte Fund dokumentiert insbesondere mit den Textilien, Metallobjekten, Ton- und Steingegenständen die hohe Entwicklungsstufe der Inka kurz vor ihrer Auslöschung durch die spanischen Konquistadoren. Die Objekte wirken, als wären sie erst kürzlich hergestellt worden. Die Opferkammer ist rechteckig angelegt und die drei Kinder sind mit den Objekten (für ihre Transformation aus dem Leben in das Leben nach dem Tod) in der Kammer begraben worden. Sie wurden vor dem hermetischen Verschluss der Kammer vermutlich mit Getränken und Koka betäubt. Die Mumien haben die Namen „Nina del Rayo“ (6 Jahre), „La Doncella“ (15 Jahre) und „El Nino“ (7 Jahre) erhalten. Alle drei Kinder entstammen der Oberschicht und haben vor über 500 Jahren die mehr als 1.500 Kilometer von Cuzco bis zum Gipfel des Llullaillaco zu Fuß hinter sich gebracht. So tragisch ihr Schicksal ist und so unangenehm der „Gruseleffekt“ ausgestellter Mumien ist, so muss man doch sagen, dass die Opfergaben uns heute einen tiefen Einblick in die Inka-Zivilisation geben, die einen staunend zurücklassen.