[Quebrada de Humahuaca] Es ist an der Zeit, einem stillen Helden zu gedenken, der uns seit Wochen begleitet: Der Kaktus. In verschiedenen Ausprägungen findet sich dieses eigentümliche Gewächs an den unwirklichsten Stellen ausgetrockneter Ebenen, steiler Berghänge und in steinigen Tälern auf beiden Seiten der Anden. Das natürliche Vorkommen der Kakteengewächse ist (bis auf eine Ausnahme) auf die Amerikas beschränkt. Wir befinden uns gerade in Nord-Argentinien (in einem langgezogenen Tal, das von Salta nach Bolivien verläuft) und damit in einem der beiden Gebiete mit der höchsten Dichte an Kakteen (um den südlichen Wendekreis herum; das andere Gebiet ist der nördliche Wendekreis in Mexiko).




War uns der Kaktus bislang eher aus dem deutschen Liedgut („Mein kleiner grüner Kaktus …„) und als trauriger Staubfänger auf Fenstersimsen bei Großmüttern und in Eckkneipen vertraut, so sind das hier im Stammland der Kakteengewächse eher stolze Exemplare, die über 200 Jahre alt und gut 10 Meter hoch werden können. Teilweise sind die Stacheln so hart und spitz, dass man sie problemlos als Nadel nutzen kann, was die indigene Urbevölkerung auch für die Textilarbeiten gemacht hat. Die Nadeln haben die Härte von Horn. Ein Selbstversuch am steilen Berghang bei Pisco Elqui ergab allerdings, dass es alles andere als einfach ist, einem Kaktus um einen ausgewachsenen Stachel (ca. 12 cm Länge, ca.4 mm Stärke) zu erleichtern. Es besteht eine ernsthafte Verletzungsgefahr, wie bezeugt werden kann …
In dem Gebiet um Salta und an den Hängen des Quebrada de Humahuaca stoßen wir auf die Cardón-Kakteenart, die haben kleinere Stacheln, die aus der Ferne fast fluffig aussehen (aber nicht sind). Aus der Ferne wirken sie wie stumm winkende Menschen auf den Berghängen. Die lokale Bevölkerung ist recht kreativ bei der Integration dieser Gewächse in den Alltag: Wie den Bildern entnommen werden kann, eigenen sich die Kakteen hier als Vorgartenpflanze, als Torschmuck, als Straßenpoller, Agitationsobjekt usw.




Praktisch ist das Gewächs auch: Es kann als Baustoff genutzt werden, wenn es abgestorben ist und die Nadeln abgeworfen hat (der Cardón steht unter Artenschutz). Es bleibt eine löchrige Rinde zurück, die erstaunlich hart ist und in der Region für Holzarbeiten an den Häusern sowie Tischlerarbeiten (Möbelstücke, Gefäße, Lampenschirme u.v.m.) genutzt wird.


Bei uns löst der Begleiter der letzten Wochen alte Erinnerungen an Winnetou-Filme, Western und eben die Fensterbank bei Großmuttern aus. Irgendwie umweht diese stolzen Riesen ein Hauch von Sehnsucht …