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#67 | Kupfer – Die Mine Chuquicamata

[Calama/ Chuquicamata] Im Norden Chiles stößt man bei der Durchquerung der sehr trockenen Landstriche immer wieder auf größere und kleinere Minen. In der Regel sind das Kupferminen, da Chile über die weltweit größten Kupferreserven verfügt (vor Peru und der Republik Kongo). Aktuell kommt knapp ein Viertel (23,6% in 2022) der weltweiten Kupferförderung aus Chile (5,2 Mio. Tonnen). Ein der weltweit größten Kupferminen befindet sich in der Nähe von unserer Station San Pedro de Atacama bzw. Calama: die Mine Chuquicamata, die schon vom jungen Che Guevara auf seiner Motorradreise durch Südamerika in den 50er-Jahren besucht wurde. Mit dem Besuch der Mine und der Begegnung mit Minenarbeitern begann angeblich seine Politisierung und starke Abneigung gegen die USA und ihre Interessenpolitik auf dem Kontinent [Quelle].

Chuquicamata 2025, die Terrassen verwehen langsam

Heute ist die ehemals größte Kupfermine der Welt in staatlicher Hand (ein Erbe der sozialistischen Allende-Regierung) und wird vom Staatsunternehmen CODELCO verantwortet. Die Mine wird seit 1915 im Tagebau betrieben, der jedoch langsam ausläuft und Mitte der 30er-Jahre beendet wird. Eine weitere Ausbeutung findet künftig untertage statt, die neuen Stollen verlaufen ca. 300 Meter unter der Sohle des Tagebaus, die stolze 1.100 Meter tief liegt. Das Volumen des Aushubs ist so gigantisch, dass über 100 Jahre um die Mine herum riesige Abraumberge („las tortas“) entstanden sind, die einen ahnen lassen, um was für Volumen es hier geht. Für die Mathematiker*innen: die Mine misst 1.100 Meter Tiefe, 4.300 Meter Länge und 3.000 Meter Breite. Bitte die Trichterform beachten …

Kupfer ist eines der wichtigsten Exportgüter Chiles, wobei – trotz der Verstaatlichung in 1972 – heute nur 28% der Kupferproduktion in staatlicher Hand sind (CODELCO). 72% der Produktion sind in ausländischer Hand und hier stoßen wir auf alte Bekannte: US-Unternehmen, kanadische und australische Investoren sowie einige europäische und asiatische Unternehmen [Quelle]. So ist etwa die heute größte Kupfermine Chiles (La Escondida) vollständig in privater Hand (57,5% BHP – Australien; 30% Rio Tinto – UK & Kanada; 10% JECO Corp. – Japan). Die private Mine liefert alleine 26% der Kupferproduktion in Chile und knapp 10% der weltweiten Kupferproduktion [Quelle]. Von Salvador Allendes Ruf nach Verstaatlichung der nationalen Ressourcen ist leider nicht mehr viel übrig geblieben und die multinationalen Konzerne beuten die nationalen Ressourcen nach wie vor im eigenen Interesse aus.

Wie wenig die Chilenen über ihre eigenen Ressourcen verfügen können, macht sich unter anderem auch symbolisch am „Copper Man“ fest: die Mine Chuquicamara hat eine lange Tradition als Kupfermine, die weit in die Vergangenheit zurückreicht. So grub man 1899 einen indigenen Minenarbeiter in der Mine aus, der etwa um das Jahr 550 unserer Zeitrechnung verschüttet worden war. Seine Mumie liegt nicht etwa in Chile, sondern wird – trotz Restitutionsforderungen Chiles – in New York im American Museum of Natural History ausgestellt.

Was bleibt, ist das alte koloniale Muster der Ausbeutung oder wie es heute moderner heißt: des Extravismus. Früher Gold, heute Kupfer, morgen Lithium … Die Probleme (insbesondere der extrem hohe Wasserverbrauch beim Kupferabbau in einer trockenen Wüstengegend) und der Verlust an – großen, aber begrenzten – natürlichen Ressourcen geht auf das Konto Chiles, der Reingewinn geht auf das Konto der ausländischen Investoren. Das südamerikanische Land exportiert Rohstoffe und importiert Vor- und Fertigprodukte, womit eine einseitige Importabhängigkeit und geringe Industrialisierung strukturell befördert wird. Ein Muster, das alle Länder in Lateinamerika das gesamte 20. Jahrhundert geprägt hat und bis heute prägt.

In dieses Beuteschema (Ausbeuten und dann Weiterziehen) passt auch das Minendorf („Campamento Minero de Chuquicamata“), das zur Mine Chuquicamata gehört: Heute eine reine Geisterstadt, die seit 2007 verlassen ist. Die Abraumhalden haben inzwischen ein Drittel des Dorfes geschluckt, der Rest wurde 2015 als Kulturgut unter Schutz gestellt. In dem Dorf waren die einheimischen Arbeiter mit ihren Familien getrennt von den US-amerikanischen Arbeitern untergebracht; heute sind beide Wohngebiete verlassen und dem Staub, der Wüstensonne und dem Wind ausgesetzt und verfallen langsam. Was mal ein Wohnort für Familien war, ist heute ein nicht weiter verwertbares Abfallprodukt abgeschriebener (US-) Investitionen.

Zum Schluss die Antwort auf eine Frage, die uns länger beschäftigt hat: Warum wurde die Verstaatlichung der großen Minen von 1972 nicht von der wirtschaftspolitisch eher neoliberal geprägten Militärdiktatur rückgängig gemacht? Immerhin war die USA Förderer des Militärputsches und der Militärjunta, eine Rückübertragung der Minen an die ehemaligen US-Besitzer (im Fall von Chuquicamata war das die US-Firma Anaconda Copper). Die Antwort: Das Militär war unmittelbar Nutznießer der Verstaatlichung. In den 50er-Jahren war die CODELCO als Staatsunternehmen mit der Klausel gegründet worden, dass 10% der Kupfererlöse direkt an die Waffengattungen des Militärs gingen [Quelle]. Diese Erträge waren ergänzend zum „normalen“ Militärbudget zu sehen und gingen weder über das Parlament noch das Verteidigungsministerium. Mit der Verstaatlichung sprangen die Erträge (und damit die Erlöse für das chilenische Militär) um ein Vielfaches in die Höhe. Eine kleine Gruppe von Militärs konnte frei über die Mittel verfügen und beliebig Waffensysteme am Markt erwerben (daher auch das große Interesse deutscher Waffenproduzenten in den 70er- und 80er-Jahren an Chile). Hier war sogar Pinochet das Hemd näher als die Hose und er sorgte dafür, dass die US-Unternehmen entschädigt wurden (das war auch bei Allende vorgesehen) und das auskömmliche System verstaatlichter Minen erhalten blieb. Selbst in unseren Zeiten sich aufblähender „Sonderfonds“ für das Militär ist das CODELCO-System in Chile um ein Vielfaches militärfreundlicher gewesen. Gewesen … immerhin hat die chilenische Politik im Jahr 2019 entschieden, dass dieses undemokratische Finanzierungssystem bis Mitte der 30er-Jahre ausläuft [Quelle].