[Punta de Choros] Von La Serena aus ging es erstmals über die legendäre Panamericana in den Norden nach Punta de Choros. Ein Umweg, der weder im Reiseführer erwähnt wird noch vorher geplant war. Der Impuls kam eher spontan durch Reiseberichte Dritter, die von den Humboldt-Pinguinen an der Küste Chiles geschwärmt hatten. Mit dem Minibus, der täglich einmal nach Punta de Choros fährt, sind es etwa zwei Stunden Fahrt durch zunehmend wüstenartige Gebirgslandschaften, die am Ende eher an Mondlandschaften erinnern. Wider Erwarten liegt am Ende dieser eher tristen Fahrt der Ort Punta de Choros, nicht minder trist … eine Ansammlung von Hütten, Verschlägen, Ferienhäusern. Sandstraßen, rostige Schaukeln und Wippen auf dem zerzausten Platz in der Mitte der Siedlung. Wim Wenders hätte seine Freude mit diesem Ambiente, der im Wind zerschlissenen Coca-Cola-Flagge, den vielen wilden Hunden und der am Siedlungsrand lauernden Wüste gehabt.
Erstaunlicherweise gibt es selbst in diesen verlorenen Orten der Welt dann doch die gebuchte Adresse („Straße“ war nicht, man wohnt an GPS-Koordinaten) und sehr nette Vermieter*innen. Das chilenische Paar war von Santiago vor ein paar Jahren hierhergezogen, weil die Hauptstadt aus ihrer Sicht immer unsicherer wurde und sie hier mehr Lebensqualität sehen und in touristische Angebote investieren wollen. Wie auch immer: es gab fließendes Wasser und ein Bett, einen Minimarkt um die Ecke und vor allem das Naturreservat mit den Humboldt-Pinguinen vor der Nase. Leider auch viel Wind, so dass die geplante Bootstour um die Inseln herum wegen des Wellengangs ausfiel und wir uns mit den sehr langen und völlig einsamen Sandstränden der Gegen begnügen mussten. Zum Baden war’s trotz sommerlicher Temperaturen zu kühl, die Expert*innen werden es gleich gewusst haben: neben den Humboldt-Pinguinen gibt es den Humboldt-Strom, der mit sehr kaltem Wasser das optimale Lebensumfeld für die kleinen Frackträger bildet. Zumindest bisher (siehe unten).
Am zweiten Tag klappte es dann und wir gingen für vier Stunden aufs Wasser, umfuhren die Isla Choros und ging sogar auf die benachbarte Isla Damas an Land. Gesehen haben wir erstmals im Leben die kleinen Humboldt-Pinguine, die in Grüppchen verloren am Strand rumstehen und alle paar Minuten einen Hüpfer machen. Sehr plüschige Gefühle kommen einem da hoch. Nett auch die Seelöwen, Pelikane und nistenden Kormorane, die so nebenbei zu bewundern sind. Wirklich faszinierend sind auch die dunklen schlanken Vögel, die in Gruppen (!) wie Pfeile senkrecht vom Himmel in das Meer stürzen und Fische fangen. Sie ploppen nach und nach dann wieder an die Oberfläche … der Name ging im allgemeinen Spanisch-Chaos leider unter.





Und dann kam der Höhepunkt, den wir erst für einen Marketing-Gag des Bootsführers hielten, damit während der langen Fahrt auch ein bisschen Spannung in der Luft blieb: wir fuhren ins offene Meer hinaus und er stellte den Motor aus. Wir sollten ruhig sein (damit baut sich in so einer vor sich hin plätschernden Nussschale automatisch Spannung auf) … und nach Walen Ausschau halten. Und tatsächlich dauerte es nur wenige Minuten, bis wir das typische (wir sind jetzt Wal-Expert*innen) Geräusch des Luftstoßes hörten, aufregend nah. Mit sehr gemischten Gefühlen (Fühlen sich Wale eigentlich durch Boote bedroht? Sehen Boote von unten nicht wie leckere Seelöwen aus? …) konnten wir dann aus wenigen Metern Entfernung einen oder zwei (das Expertentum hat seine Grenzen) Finnwale auftauchen und majestätisch (ja!) an uns vorbeigleiten sehen. Eine Erfahrung fürs Leben.
Wie immer heutzutage ist über das Naturparadies und seine Fauna mit menschengemachten Einschränkungen zu berichten: die Klimaerwärmung macht auch vor dem Humboldtstrom nicht Halt und führt durch die langsame Erwärmung zu einer deutlichen Minderung der (heute schon seltenen) Pinguinart. Und das heute noch geschützte Ökosystem ist in Gänze durch ein Minenprojekt in Gefahr, das einige Kilometer südlich in La Higuera unter dem schönen Namen „Dominga“ geplant ist. Hier soll eine Kupfermine und ein neuer Hafen zur Verschiffung entstehen, seit über zehn Jahren wird darum gestritten, die Umweltverträglichkeit wurde bereits dreimal behördlich verneint und trotzdem ist das Projekt nicht vom Tisch. In der ganzen Region finden sich überall Graffitis mit dem Slogan „No a Dominga!“ und das Projekt gilt als Paradebeispiel für chilenische Korruption und institutionelle Ineffizienz.

„Dominga“ steht prototypisch für Korruption, weil der chilenische Präsident Sebastian Pisera mit seiner Familie zu 33,33% an der Projektgesellschaft beteiligt war, die das Minenprojekt betrieb (Mediterran Private Investment Fund als Finanzierungsgesellschaft, Minera Activa Uno SpA Beteiligungsgesellschaft und Andes Iron Limitada als Projektgesellschaft). Nach zwei Jahren Exploration, die den Standort als ertragreich ausweisen, verkauft Pisera 2010 seine Anteile an seinen Geschäftspartner und Freund Delano für 138 Mio. USD (letztlich für die Option auf eine nicht-existente Mine). Vereinbart wird in einer Klausel, dass der volle Kaufpreis nur unter der Bedingung ausgezahlt wird, dass die Regierung in dem Projektgebiet keine Umweltzone, keinen Nationalpark und kein Naturreservat einrichtet [Quelle]. Sebastián Pisera hatte sich demnach zum eigenen Vorteil dazu verpflichtet, als Präsident dafür zu sorgen, dass dem Projekt keine regulativen Hindernisse in den Weg gelegt werden (er war von 2010 – 2014 und dann nochmal von 2018 – 2022 Präsident Chiles). Bekannt wurden diese Zusammenhänge und persönlichen Interessenlagen durch die Veröffentlichung der sog. „Pandora-Papers“ 2021, bis zu seinem (Unfall-) Tod 2024 wurde Pisera strafrechtlich nie belangt.
„Dominga“ steht prototypisch auch für institutionelle Ineffizienz in Chile: Im März 2017 wurde nach über drei Jahren Prüfung die Umweltverträglichkeit negativ beschieden. Die Firma ging in Revision und erhielt eine zweite Ablehnung im August 2017. Das sog. Umweltgericht in der Minenstadt Antofagasta hob diese Bescheide wegen Formfehler 2018 auf. Im Anschluss ging es drei Jahre zwischen den verschiedenen Instanzen (Umweltprüfungsdienst, Oberster Gerichtshof, Ministerkomitee) hin und her [Quelle]. Auch das ablehnende Votum der (aktuellen) Regierung unter Präsident Gabriel Boric 2023 wurde im Dezember 2024 wegen vermeintlicher „Parteilichkeit“ der Minister durch das „Umweltgericht“ in Antofagasta aufgehoben. Aktuell soll ein „Ministerrat ohne Minister“ entscheiden, was politisch hoch umstritten ist [Quelle].

Fakt ist, dass ein Wirtschaftsprojekt wie Dominga wegen der dominanten ökonomischen Interessen auch bei klarer politischer Ablehnung auf höchster Ebene nicht wirksam beendet werden kann. Im Zweifel sitzen die Investoren auf den Virgin Islands eine Legislatur aus und warten auf genehmere Zeiten und Akteure.